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Studien zur Vitalität

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Vitalität ist nicht dem Wellnessbereich  vorbehalten. Es gibt auch wissenschaftliche Studien, die diesen Begriff nutzen.

Da gibt es Untersuchungen zum Zustand des Waldes, im Bereich der Altersforschung, zur Organisationsentwicklung, der Gesundheitsforschung usw. (vgl.: Vitalität)

Ich sehe da große Chancen, aber auch ein paar Fallstricke, denen ich gern weiter nachgehen möchte.

Kuss der Schnecken

Sie können mir dabei helfen.

  • Kennen Sie wissenschaftliche Studien, in denen die Vitalität bzw. Lebendigkeit als Merkmal herangezogen wird?
  • Kennen Sie Texte, die sich mit einer begrifflichen Fundierung von Vitalität und Lebendigkeit beschäftigen. Mich interessiert v.a. der Bezug auf einen Lebensbegriff.

Sie würden mir sehr helfen, wenn Sie im Kommentar einfach Ihre Informationen hinterlassen würden.

Vielen Dank für Ihre Mitarbeit.

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Vierte Vorlesung

<< Vorlesung 3

In der vierten Vorlesung aus der Reihe „Leben – Geschichte und Metaphysik eines schillernden Begriffs“ steht die Suche der Biologie nach dem Forschungsgegenstand – dem Leben – im Vordergrund.[1]

Biologie, eine empirische Wissenschaft?

Anfang des 19. Jh. bewegte sich der Lebensbegriff zwischen zwei Polen:

  1. Metaphysisch bzw. „magisch angehaucht“. Leben hat eine transzendente Qualität, die eben nicht empirisch zu fassen ist. Hier werden oft Metaphern genutzt, die gerade den Unterschied zum physikalischen Bereich hervorheben sollen.
  2. Materialistische Theorien, die „auf die Eigenständigkeit des Lebens verzichten“ und sagen: letztlich muss es sich um eine Spezialform einer physikalischen Größe handeln.

In diesem Spannungsfeld wird auch die Biologie mit ihren Funktions- und Prozessvorstellungen verortet. Im Bestreben eine eigenständige Disziplin zu sein, sind beide Pole für sie keine „diskutable Option“. Sie benötigt eine „stoffliche Referenz“, die wie in der Physik, aber auch in Abgrenzung zu ihr, eine seriöse empirische Forschung erlaubt.

Was ist das Leben in seiner erfahrbaren und erforschbaren Stofflichkeit?

Chemie

Eine Orientierung bot die sich entwickelnde Chemie. Im Gegensatz zum physikalischen Ideal der „Bewegung im Raum“ bot sie mit der „chemischen Reaktion“ etwas an, was den romantischen Vorstellungen von Prozess und Leben sehr nahe kam.

In der Reaktion wird das Eine in das Andere sinnlich wahrnehmbar überführt. „Übergängigkeit von Stoffen ineinander und Wechselwirkung“ sind ein Paradigma der Chemie. Die chemische Reaktion ist ein Wandlungsprozess. Chemie und Leben scheinen sehr eng verwandt.

Humboldt spricht vom „chemischen Lebensprozess“.

Hegel etwas vorsichtiger: „Könnte der chemische Prozess sich durch sich selbst fortsetzen, so wäre er das Leben.  Daher liegt es nahe das Leben chemisch zu fassen.“

Elektrizität

Für den Definitionsvorgang ebenfalls wichtig sind die Experimente mit der Elektrizität. Nicht nur in der Physik und Chemie, sondern eben auch in der Biologie spielte sie eine wichtige Rolle (vgl.  Froschschenkel-Experiment).

Dies wirft Fragen der Übergänge zwischen der belebten und der unbelebten Natur auf. Ist die belebte Natur doch irgendwie eine Form der unbelebten Natur? Oder ist alles belebt (Schelling) und die Physik nur eine langsamere Form von Biologie?

Protoplasma

Auch die Theorien des Protoplasmas (gr. proton: Erstes, plasma: das Geformte) sind zu nennen. Protoplasma: das Urgebilde bzw. der flüssige Urstoff, in dem Prozesse ihren Ausgang nehmen. Alles Lebendige verweist letztlich auf dieses Protoplasma. Es ist auch in allem Organischen anzutreffen. [2]

Ein Kandidat für dieses Plasma ist die Flüssigkeit, die in den Zellen unter den Mikroskopen beobachtet wird.

Zelle

Die Zelltheorien heben aber nicht explizit auf die Flüssigkeit ab, sondern betrachten die Zelle als strukturelle Einheit.

Matthias Jacob SchleidenMatthias Jacob Schleiden (1804 – 1881) entwickelt ab 1830 eine Theorie des Organischen auf der Basis einer Zelltheorie. Dies geschah in offener Gegnerschaft zur romantischen Naturphilosophie und zu Hegel, aber auch gegen die Lebenskraft.

Schleiden „Der Wilde, der eine Lokomotive ein lebendes Tier nennt, ist nicht unwissender als der Naturwissenschaftler, der von Lebenskraft im Organischen spricht.“

Ihm ist die methodische Strenge wichtig.

Die Pflanze hat nicht etwa an mehreren Stellen Zellen, sondern besteht vollständig aus ihnen. Dies verändert die Bedeutung der Zelle: sie ist nicht ein Merkmal der Pflanze, sondern das was sie und das Lebendige ausmacht.

Die Zelle besteht aus einem Medium (Flüssigkeit) und einer Form. Die Beziehungen dieser Elemente zeichnen seine Definition von Leben aus:

  1. Die Wechselwirkung zwischen dem Medium und der Form. Nicht die Flüssigkeit als Protoplasma ist wichtig, sondern die Beziehung zur Form
  2. Die Wechselwirkung zwischen Inhalt und Wand der Zelle.
  3. Die Wechselwirkung zwischen der Zelle (bzw. deren Verbund) und den wachstumsmäßig hervorgebrachten Gestalt.[3]

Erst die Kombination aus Verhältnis, Substanz und Prozess definiert Leben und bestimmt den Gegenstand der Biologie. Die Zellwand allein kann auch ein Physiker betrachten.

Theodor Schwann (1810 – 1882) bestätigt diese Forschung für die Tierwelt. Die Zelle ist somit die universelle Grundsubstanz des Lebens. Es gibt jetzt das „biologische Objekt“.

Wie entsteht es?

Schleiden geht davon aus, dass sich die lebende Zelle aus anorganischen Stoffen durch einen Vorgang der „Kristallisation“ bildet. Es gibt demzufolge ein Kontinuum zwischen dem Anorganischen und dem Leben. Der Prozess des Übergangs zwischen den Bereichen ist durch den Bildungstrieb geprägt.

Rudolf Virchow (1821 – 1902) formuliert die Gegenthese sehr prägnant: „Zellen entstehen aus Zellen“. Sie wachsen nicht aus einer chemischen Grundsubstanz mittels Bildungstrieb, sondern aus anderen Zellen.

Die Frage, wie die erste Zelle entstand, kann und will er nicht beantworten. Die Entstehung der ersten Zelle ist nicht Thema der Biologie.

Schleiden hält Virchows Begriff von Leben für eine zirkuläre, tautologische Konstruktion, die nicht sagt, was nun Leben ist.

Anmerkungen

Für mich war das eine sehr erhellende Vorlesung. Vieles was heute selbstverständlich erscheint wurde historisch eingeordnet. Dies gilt z.B. für die enge Orientierung am Wissenschaftsverständnis der Physik. Die daraus resultierende Suche nach dem Stoff erschwert es uns bis heute das Soziale als Leben zu verstehen.

Aber auch das Spannungsfeld, in dem der Begriff Leben steht ist ja heute noch aktuell. Reich hat ihn anschaulich 1937 als eine Auseinandersetzung zwischen Vitalisten und Mechanisten beschrieben.[4] Heute würde man eher Esoteriker und Schulwissenschaftlern sagen. Das Spannungsfeld selbst besteht aber weiterhin.

"Org-Tier" Wilhelm Reich: DieBionexperimente S.47Für den Konflikt zwischen Schleiden und Virchow hat sich demgegenüber in der wissenschaftlichen Community die Position von Virchow durchgesetzt. Reichs Bionenexperimente erscheinen so als Außenseiterposition. Aufgrund  zahlreicher Experimente betonte er, dass Lebendiges aus Leblosen entstehen könne – und zwar auch heute noch. Dabei beschrieb er eine Zwischenform: die Bione.

„Die Bione sind Vorstufen des Lebendigen, Gebilde des Übergangs vom Anorganischen, Unbewegten zum Organischen, Bewegten und Kultivierbaren.“[5]

In dem Text „Wilhelm Reich – Entdecker der primären Biogenese?“ werden diese Forschungen aus heutiger Sicht beschrieben und diskutiert.[6] Vgl. dazu auch „Bione in der modernen Medizin“.[7]


[1] Petra Gehring: Die Stofflichkeit des Lebens. Darmstadt. 3.11.2009 aus der Vorlesungsreihe „Leben – Geschichte und Metaphysik eines schillernden Begriffs

[2] „Das Protoplasma war so etwas wie ein naturphilosophischer Äther. So wie man glaubte, der Äther durchdringe alle materiellen Gebilde der Welt und fungiere als Medium der Ausbreitung elektromagnetischer Wellen, dachte man, die lebende Substanz Protoplasma durchdringe ansonsten unbelebte Gebilde und verleihe ihnen Leben.“ (Die Zeit: Protoplasma. 1986)

[3] Schleiden: „Wir charakterisieren den Begriff Organismus als das Verhältnis der Gestalt zur eingeschlossenen Mutterlauge und Leben als Wechselwirkung zwischen der Mutterlauge und der Gestalt, zwischen dem Inhalt und den äußeren physikalisch chemischen Kräften vermittelt durch die Gestalt und endlich Wechselwirkung zwischen der primären Gestalt und den in der bereits eingeschlossenen Mutterlauge späteren Gestalt“

[4] Wilhelm Reich: Die Bionexperimente Frankfurt/M 1995. S.180-185.

[5] Wilhelm Reich: Die Bionexperimente Frankfurt/M 1995. S.78. (Bild S.47)

[6] Stephan Krall: Wilhelm Reich – Entdecker der primären Biogenese? Die Urzeugungstheorie im Licht der Wissenschaft. In emotion Nr. 14, Berlin 1999 S.81-110. PDF Download

[7] Peter Nasselstein: Bione in der modernen Medizin

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<< Vorl. 2: Die Entstehung der Lebenswissenschaft Biologie

Vorl. 4: Das Leben in seiner Stofflichkeit >>

Dritte Vorlesung

In der dritten Vorlesung zum Thema „Leben – Geschichte und Metaphysik eines schillernden Begriffs“ geht es Petra Gehring um das „‘Leben’ im Singular in der Philosophie: Von Kant zu Hegel“. Wie bei der Biologie grenzt sie philosophische Konzepte voneinander ab.

Zum besseren Verständnis wird dem ein Abschnitt zur „Lebenskraft“ vorangestellt. Daraus ergeben sich drei Bereich, die hier zusammengefasst und kommentiert werden:

  • Lebenskraft (v. Haller, Blumenbach)
  • Aufklärung (Kant)
  • Deutscher Idealismus (Schelling, Hegel)

Henne mit ihren Küken

Lebenskraft

Im 18. Jh. gibt es große Entwicklungen in den anthropologischen Konzepten. Es entwickelt sich ein materialistischer Anspruch, der sich insbesondere von der Theologie abgrenzt. In Anlehnung an die Physik wird das Organische nicht als beseelte Natur aufgefasst, sondern auf die Mechanik zurückgeführt. Der Mensch wird als eine komplizierte Maschine beschrieben.

Experimente mit der den Muskeln zugeordneten LebenskraftWiederum in Abgrenzung zu dieser Perspektive werden insbesondere von Ärzten Begriffe wie „Lebenskraft“ und „Bildungstrieb“ angeführt. Albrecht von Haller (1708-1777) sieht in der Reizbarkeit und Kontraktion der Muskeln eine nicht mechanische Lebenskraft.

Johann Friedrich Blumenbach (1752 – 1840) grenzt sich mit dem Begriff „Bildungstrieb“ (1781) noch stärker von der mechanischen Kraft ab. Aufgrund dieses Triebes bildet sich etwas heraus und wächst. Er rechnet den Trieb zu „den Lebenskräften“, aber auch der Begriff „Lebenstrieb“ kommt zur Anwendung.

Diese Ansichten konnten sich aber nicht als ein einheitliches Konzept durchsetzen. Spätestens seit Mitte des 19. Jh. galten sie laut Gehring als „unbiologisch“ und überholt. Sie standen im Verdacht mystisch zu sein.

Anmerkung

Dieser Blick auf diese spannende Zeit kann nur ein verengter Ausschnitt sein.Alles wird nur angetippt.

Mir scheint v.a. das Spannungsfeld zwischen der theologischen und physikalischen Perspektive wichtig zu sein. Den Geschöpfen Gottes wurde die Seele genommen. Übrig blieb die unbefriedigende Vorstellung einer komplexen Maschine. Das Aufkommen der Lebenskraft als eine Art materialistische Seele ist somit verständlich. Aber ist das nicht nur ein hilfloser Versuch sich aus beiden Bereichen etwas zusammenzubasteln?

Diese Spannung brachte interessante Persönlichkeiten hervor. Ich möchte hier nur Julien Offray de La Mettrie (1709-1751) nennen. Eine ausführliche Besprechung findet sich im LSR-Projekt von Bernd A. Laska.[1]

Etwas Schwierigkeiten habe ich bei diesem Abschnitt mit der These, dass „das Leben“ eine Erfindung des 19.Jh. sei (vgl. Entstehung der Biologie). Wie passen dazu diese intensiven Auseinandersetzungen mit dem Lebensbegriff?

Aufklärung

Als zentralen Philosophen des 18. Jh. führt Gehring Immanuel Kant (1724-1804) an. Das Leben als stofflich begreifbare Einheit taucht hier nicht auf, aber 1790 greift er das Thema in der „Kritik der Urteilskraft“ unter dem Titel „Erkennbarkeit von Ordnungen der nicht mechanischen Natur“ auf. Er hat die theologische Perspektive, die mechanistischen Vorstellungen (insbesondere Descartes) und die Idee der Lebenskraft vor Augen. Auch im nicht mechanischen Bereich geht er von Regelmäßigkeiten aus. Allerdings geht er ähnlich wie im Bereich der Sittlichkeit davon aus, dass diese Regelmäßigkeiten nicht kausaler Art sind.

Immanuel KantDer Modus des Urteilens, also des Zugangs zu diesem Bereich, bezieht sich auf den Zweck bzw. die „Zweckmäßigkeit“. Im Gegensatz zur Wirkung kann der Zweck nicht objektiv erkannt, sondern nur erschlossen werden. Dies ist eine etwas „losere, weichere“ Form der Objektivität.

Bei Pflanzenwachstum geht es um bestimmte Zwecke. Die Pflanze wächst, indem sie sich zur Sonne aufrichtet, indem sie ihre Wurzel so tief wachsen lässt, bis sie an Wasser kommen. Das Wasser ist nicht die Ursache dafür, dass die Pflanze die Wurzeln so weit wachsen lässt. Das Wachstum hat den Zweck, dass die Pflanze zum Wasser zu führen. Die Zwecke sind der Natur inhärent (Aristoteles) und nicht von Gott vorgegeben.

Dieser Bereich der Zweckmäßigkeitsordnung ist weder als physikalische Dinge noch über ein magisches Vollziehen zu erfassen. „Das was da geleistet wird ist die Organisation in Hinblick auf Zwecke.“

Wie Blumenbach spricht Kant von der Organisation mehrerer Kräfte. Er geht noch nicht von dem Leben als Einheit aus. Für so ein Prinzip, das ja als Singular gedacht wird, ist in dem von Kant gedachten Universum von Kräften kein Platz.

Deutscher Idealismus

Ganz anders bei Friedrich Schelling (1775 – 1854) und Friedrich Hegel (1770 – 1831) nach 1800. Hier findet sich ein Lebensbegriff, der das materialistische aufgreift und für die Philosophie fruchtbar macht. Der Begriff wird in das Geistige, das Geschichtliche und das Denken eingeführt.

Schelling und Hegel treten explizit gegen Kants Vorstellungen von den separaten Kritiken bzw. Urteilsformen auf. Für Schelling ist die Natur „durch und durch dynamisch“ und in diesem Sinne organisch, also nicht per se tot. Dies gilt auch für das vermeintlich Stabile wie z.B. Steine.

Dialektik

Die Natur ist absolute Identität also mit sich selbst identisch und gleichzeitig polarer Gegensatz. In den gegensätzlichen Richtungen, dem nach außen gehen und von außen zurückdrängen liegt „das Prinzip für die Konstruktion aller Lebenserscheinung“ (Schelling)

Alles ist im Prozess, wechselhaft und dynamisch. Magnetismus, Elektrizität und chemischer Prozess sind die Kategorien der Konstruktion der Natur.

Friedrich HegelHegel stellt die Entwicklung wendet sich vom statischen „Urteilen“ hin zu einem verstehenden Begreifen, ein Prozess der nie aufhört.

Die Wirklichkeit ist stoffliche Welt, begriffliche Dynamik und historischer Zusammenhang.

„Das Prinzip der Dialektik, das Prinzip aller Bewegung, alles Lebens, wie Hegel das nennt, herrscht im Bereich des Denkens […] und nur weil die Dialektik dem Leben gerecht wird und weil sie selbst lebendig ist, ist die dialektische Denkbewegung wahr.“

Das Leben ist an der Schwelle um 1800 eine „Mehrfacherfindung“. Auf der einen Seite steht die Entwicklung in der Naturkunde. Auf der anderen Seite geht die philosophische Erkenntnistheorie „den Weg von einer universalen Kritik der Vernunft hin zu einer tendenziell totalen Philosophie der lebendigen Denkbewegung.“

Anmerkung

Der Teil über den Deutschen Idealismus war eher unbefriedigend. Es wurden zahlreiche sehr spannende Aspekte angesprochen, ohne dass sie angemessen ausgeführt wurden. Ich gehe davon aus, dass das noch kommt. Gehring sagt, dass man aufgrund dieser Vorlesung Hegels Philosophie nicht verstehen könne, aber vielleicht könne man ahnen „wie sie tickt“. ich vermute, dass da später noch genauer drauf eingegangen wird.


[1] Bernd A. Laska: Das LSR-Projekt zu La Mettrie, Max Stirner und Wilehelm Reich

Das BVJ überleben

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Die große Vielfalt

Am 29./30. April 2010 fand in Dresden die „3. Bundesweite Fachtagung zur schulischen Berufsausbildungsvorbereitung“[1] statt. Lehrkräfte und andere Fachleute trafen sich, um das Thema voranzubringen.

So ging es in einem Workshop um die Kompetenzen, die zur Arbeit in diesem pädagogischen Bereich notwendig sind.[2] Aus vier Perspektiven (Schüler/Eltern, Wirtschaft, Politik und Lehrkräfte) wurden zentrale Merkmale herausgearbeitet und in Fortbildungsvorschlägen umgesetzt.

Die Lehrkräfte sollen demzufolge kooperationsorientiert, authentisch und flexibel sein; sie sollen alle neuen Programme „widerspruchslos“ umsetzen, die Jugendlichen individuell begleiten und gleichzeitig „erziehen“ und natürlich auch inhaltlich bzw.  methodisch auf der Höhe der Zeit sein.

In diesem Arbeitsbereich gibt es keinen Mangel an Vielfalt: weder bei den Anforderungen, noch bei den Projekten, Programmen, Maßnahmen, Methoden und Ideen.

Wer hier nicht einen eigenen roten Faden mitbringt, fühlt sich schnell überschwemmt und überfordert. So wundert es nicht, dass im Workshop auch eine Fortbildung entwickelt wurde, die den vieldeutigen Titel „Das BVJ überleben“ trägt: Überlebensstrategien der Jugendlichen und der Pädagogen stehen hier im Zentrum.

Aufbau und drohendes Ende

Die erste Tagung dieser Reihe fand vor sechs Jahren statt. Sie sollte das BVJ stärken und den Pädagogen in diesem ungeliebten Feld Anerkennung und Wertschätzung zukommen lassen.

Auf der zweiten Tagung vor drei Jahren standen „neue Wege“ im Vordergrund. Der „Mark der Möglichkeiten“ und die zahlreichen Workshops verwiesen in dieser Differenzierungsphase auf die Vielfalt. Gleichzeitig war längst ein Institutionalisierungsprozess eingetreten, der dem Bereich den Stempel „so genanntes Übergangssystem“ verpasste.

Das Übergangssystem ist konsolidiert und stabil – die dritte Tagung routiniert.

Und doch gibt es einen Wandel. Harald Schlieck[3] von der Handwerkskammer kann zwar nach wie vor seine Forderungen an die Schule formulieren, aber Klaus Wilhelm Ring[4] vom Hessischen Kultusministerium kann offensiv dem entgegenhalten: „Sie sind von uns abhängig!“  Und Harald Schlieck nickt vorsichtig.

III. Bundesweite Fachtagung zur schulischen Berufsausbildungsvorbereitung

Dieses neue Selbstbewusstsein der Schulseite ist aber nicht dem Erfolg der eigenen Maßnahmen, sondern einfach dem demografischen Wandel geschuldet. Der Wirtschaft gehen die Jugendlichen aus.

Dies kann eine Chance für die Jugendlichen, für die Ausbildung und für die Kooperation sein. Werden die Jugendlichen das Stigma der Überflüssigkeit verlieren und wird somit der Eigenverantwortlichkeit eine größere Chance eingeräumt? Oder ist die Beharrungskompetenz der Schulen und der Wirtschaft zum festen Bestandteil des Übergangssystems geworden?

Schon auf dem Abschlusspodium kam die vorsichtige Frage: Wird das BVJ überleben?

Harald Schlieck outete sich als „großen Fan des BVJ“, forderte aber gleichzeitig, dass der Bereich grundsätzlich und mutig neu gedacht wird.

Die nächste Tagung soll ganz unter dem Motto der Kooperation zwischen Schule und Wirtschaft stehen. Sie soll sogar in einem Betrieb stattfinden.

Eine Liebeshochzeit wird das nicht!


[1] Vgl. ibbw: III. Bundesweite Fachtagung zur schulischen Berufsausbildungsvorbereitung. Übergänge – Anschlüsse – Perspektiven

[2] Vgl. Ingo Diedrich, Tilman Zschiesche: Bestandsaufnahme des Fort- und Weiterbildungsangebots für Lehrkräfte an beruflichen Schulen bezogen auf das Handlungsfeld der beruflichen Benachteiligtenförderung und den Übergang von der Schule in die Arbeitswelt. 2009.

[3] Harald Schlieck

[4] Klaus Wilhelm Ring

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<< Vorl. 1: Einführung

Vorl. 3: Philosophen erfinden das Leben >>

Zweite Vorlesung

In der zweiten Vorlesung aus der Reihe „Leben – Geschichte und Metaphysik eines schillernden Begriffs[1] spricht Petra Gehring über die Entstehung des wissenschaftlichen Begriffs des Lebens und damit über den Beginn der Biologie.

Es folgt eine kurze Zusammenfassung der Vorlesung und einige Anmerkungen.

Das Wort Leben und seine antiken Vorläufer (Bios, Zoe, Vita) sind sehr alt. Die Grimms bringen das deutsche Wort mit „Lieb“ also dem Leib in Verbindung. Die Vorstellung, dass das Leben auch „materiell gedacht“ werden kann, kommt aber erst Anfang des 19. Jh. auf.

Zur Veranschaulichung dieses Prozesses kontrastiert Petra Gehring u.a. die Naturforschung jenseits und diesseits dieser „Schwelle“ um 1800.

Leben – ein Merkmal unter vielen

Im 18. Jh. gibt es eine „elaborierte Wissenschaftslandschaft“[2]. Das Wissenschaftsideal war von der Vorstellung des Ordnens geprägt. Dies galt z.B. für die Medizin, in der Krankheiten und Behandlungsmethoden genau erfasst und beschrieben wurden. Ordnung war wichtig, um die Krankheit zu erkennen und die dazu passende Behandlung anzuwenden. Ursachenforschung war sekundär.

Es gab zahlreiche Versuche, eine rationale Ordnung zu schaffen, in der die Natur vollständig erfasst ist und bestimmt werden kann. Ein wichtiger Naturkundler war Carl von Linné (1707-1778), der anhand der Gestalt der Naturphänomene ein „Beschreibungssystem“ und eine entsprechende Klassifikation entwickelte. Die sehr genaue Erfassung der äußeren Erscheinung war der zentrale Aspekt der Empirie.

Hinzu kam eine „logische Operation“, in der die Gestalt in die „widerspruchsfreie, lückenlose und wohlgeformte Klassifikationsordnung“ eingebettet wurde. So entsteht eine ausgefeilte Taxonomie mit genau abgegrenzten Merkmalen.  Ist das Tier haarig oder geschuppt, eierlegend oder lebendgebärend, wie groß ist die Anzahl der Staubgefäße bei den Pflanzen usw.?

„Es ging insgesamt um das allmähliche Auffüllen des großen Raumes der Natur mit Namen und Merkmalen.“ So dass alles gemäß der an der Oberfläche gut sichtbaren Identitäten und Unterschieden „gruppiert, hierarchisiert und verzeichnet ist“.

Ziel ist eine statische allumfassende Übersicht.

Lebendigkeit ist ein Merkmal unter vielen. Es gibt die Eigenschaft ‚lebendig sein‘, aber nicht das Leben. Leben ist ein Merkmal organischer Körper und nicht Bedingung ihres überhaupt Existierens. Darum gibt es zu dieser Zeit auch keine Biologie.

Nicht das Leben gibt es, sondern lebendige Wesen.

Leben – ein Tiefenphänomen

Im 19. Jh. ändern sich diese Vorstellungen. Lamarck z.B. löst sich etwas von dem statischen Ordnungsprinzip und macht sich z.B. Gedanken darüber, ob evtl. die Giraffe aus der Antilope entstanden sei.

Wichtiger ist aber Georg Cuvier (1769-1832). Auch er betrachtet die sichtbaren Merkmale, aber er klassifiziert nicht einfach nach diesen Merkmalen, sondern fragt nach den funktionalen Gründen, warum ein Organismus so und nicht anders aufgebaut ist. Das Merkmal wird interpretiert auf eine tieferliegende Funktion hin: was leistet es für den Organismus.

Fische und Säugetiere unterscheiden sich anhand  der äußeren Erscheinung radikal. Auch die Lunge (Säugetiere) und Kiemen (Fische) sehen sich sehr unähnlich. Aber, sie erfüllen beide die Funktion der Atmung. Fische haben Kiemen um zu atmen.

Aufgrund äußerer Beobachtungen schließt er auf verborgene „abstrakte Funktionseinheiten“.

Das Verhältnis vom „Sichtbaren und Struktur im Exemplar“ kehrt sich um. Ich kann dem Sichtbaren nicht unbedingt trauen, sondern muss so lange suchen, bis ich die Funktion erschöpfend geklärt habe.

Aber auch die Funktionen wie Atmung, Verdauung, Ausdünstungen  usw. stehe nicht für sich, sondern verweisen auf den gemeinsamen und allgemeinen Existenzgrund. Es sind „Lebensverrichtungen“, die im Dienste des Lebens stehen.

„Das Leben braucht diese Verrichtungen, sonst kann ein Organismus nicht leben.“

Das ist eine neue Logik mit einer allgemeinen Vorstellung von Leben:

  1. Nicht das nebeneinander der Merkmale steht im Zentrum, sondern die Hierarchie der Funktionen. Neben Funktionen 1. Ordnung wie z.B. die der Blutgefäße (Funktion: Lunge mit Blut versorgen) gibt es „wenige komplexe Grundfunktionen 2. Ordnung“ wie die Atmung und von dieser Erfüllung hängt die Lebensfunktion ab.
  2. Die Funktionssysteme hängen äußerst eng zusammen. Es sind wechselseitige Abhängigkeitsverhältnisse. Die Begriffe Organ (Werkzeug) und Organismus deuten das an. Der Organismus ist ein dynamischer Verband und „dieser Verband dient dem Überleben“. Dieser Verband schafft ein Innen, das sich von einem Außen abgrenzt. Es gibt eine ständige Bewegung von Außen nach Innen und umgekehrt. Der Austausch über die Grenzen hinweg wird durch die Funktionen bestimmt. Eine Bewegtheit kennzeichnet den Organismus.
  3. Er setzt Teile, die auf dem Körper weit auseinander liegen in Beziehung. Die Zähne und der Magen hängen eng zusammen (aufgrund der Funktion Verdauung). Eine damals ungewöhnliche Perspektive.
  4. Organismen sind in ihrer Unterschiedlichkeit Lösungen des Problems des Überlebens. Lösungen, indem die funktionalen Elemente des Organismus durch ihre Leistung das Leben etablieren. Dem zugrunde wird eine verborgene Funktion innerhalb aller Organismen angenommen: das Leben.

Definition Leben (Cuvier): „Eine allgemeine und allen Teilen sich mitteilende Bewegung.“

Mit dem Auftreten dieses neuen Lebensbegriffes entsteht die neue Wissenschaftsdisziplin Biologie.

Anmerkungen

Linnés Herangehensweise des Ordnens dient in dieser Vorlesung primär als Hintergrund, um das Neue in Cuviers Perspektive klarer heraus zu arbeiten. Zur Bedeutung des Ordnens möchte ich hier auf die Arbeiten von Zygmunt Bauman verweisen, dem es gelingt mit den Begriffen Ordnung, Chaos und Ambivalenz eine Perspektive zu charakterisieren, die damals ihren Ursprung hatte und bis heute relevant ist.[3]

Die Aussagen zu Cuvier haben mich sehr beeindruckt. Eine ausführliche Beschreibung Cuviers Position findet sich im Buch „Die Organisation des Lebendigen“[4] Mit Blick auf Wilhelm Reich ist mir besonders wichtig, dass entsprechend dieser Vorlesung die Entstehung des wissenschaftlichen Begriffs Leben mit dem funktionalistischen Denken (wie bei Reich) zusammen fällt.

Sehr Vieles erinnerte mich spontan an Reich. Dieses Denken in oberflächlichen Unterschieden mit zugrundeliegenden Identitäten. Die Vorstellung von einer Funktion als gemeinsamen Bezugspunkt. Die Hierarchie in den Funktionen. Die Suche nach den verborgenen zugrundeliegenden Funktionen. Aber auch in Bezug auf das Leben: die Wichtigkeit des Innen und Außens mit einer entsprechenden Bewegung, die Bedeutung der Bewegung, in der sich etwas ausdrückt und somit Sinn gibt. Usw.

Mir ist nicht bekannt, dass sich Reich auf Cuvier bezieht. Er hat ihn aber wahrscheinlich über das Buch „Geschichte des Materialismus“[5] kennengelernt. Dort wird er allerdings nicht als Biologe eingeführt, sondern als wichtiger Evolutionsforscher kritisiert.

Es gibt aber auch einige Unterschiede zwischen Cuviers und Reichs Perspektive, die ich hier nur beispielhaft andeute:

  • Für Reich ist die funktionalistische Perspektive nicht ein Ordnungsprinzip für die Natur, sondern selbst Ausdruck der Natur. Er sieht keinen prinzipiellen Bruch zwischen Verdauung, Atmung und Denken bzw. Forschen. Alles lässt sich auf die Lebensfunktion zurückführen und nur indem dies möglich ist, ist die Perspektive auch richtig.[6]
  • Die Beziehung zwischen den Funktionsebenen ist bei Reich nicht durch ein ‚um zu‘ bzw. einem leiten und regieren bestimmt.[7] Ein Organismus atmet demzufolge nicht um sich am leben zu erhalten. Vielmehr ist Atmung eine spezifische Variation der zugrundeliegenden Pulsation. [8]
  • Während Cuvier in dem Begriff des Lebens noch eine „dunkle Idee“ sieht, geht Reich davon aus, die Lebensfunktion definieren zu können.[9]
  • Auch für Reich ist die Lebensfunktion von zentraler Bedeutung. Aber auch sie ist eine Variation einer zugrunde liegenden Funktion. Das Leben ist funktionell eingebettet in einem Gesamtzusammenhang

[1] TU-Darmstadt-Openlearnware. Petra Gehring: Leben – Geschichte und Metaphysik eines schillernden Begriffs. Vorlesung Wintersemester 2009/2010

[2] Alle nicht anders gekennzeichneten Zitate stammen von Petra Gehring

[3]Bauman, Zygmunt: Biologie und das Projekt der Moderne. In: Mittelweg 36, 4/93, 1993. S.3-16; Bauman, Zygmunt: Dialektik der Ordnung. Die Moderne und der Holocaust. Hamburg 1994; Bauman, Zygmunt: Moderne und Ambivalenz. Frankfurt/M 1996

[4] Cheung, Tobias: Die Organisation des Lebendigen.Zur Entstehung des biologischen Organismusbegriffs bei Cuvier, Leibniz und Kant.Frankfurt/M 2000. S. 17-38; 82ff

[5] Friedrich Albert Lange: Geschichte des Materialismus und Kritik seiner Bedeutung in der Gegenwart. Iserlohn. 1873

[6] Vgl. Reich, W.: Die kosmische Überlagerung. Kap.: The rooting of reason in nature. Frankfurt/M 1997; Ingo Diedrich: Naturnah forschen. Wilhelm Reichs Methode des lebendigen Erkennens, Berlin 2000 S.80 ff

[7] Vgl. Cheung S.22

[8] Reich, Wilhelm: Orgonometric Equations: 1. General Form, in: Orgone Energy Bulletin Bd.2 Nr.4, New York 1950, S.178; vgl auch Reich Auseinandersetzung mit den Vitalisten vgl. Diedrich: Naturnah forschen. S. 16ff

[9] Vgl. z.B. Reich, W.: Dialektischer Materialismus in der Lebensforschng, S.141; R., W.: Orgonomic Functionalism, Part II, Bd.2, Nr.3, S.108/109

Philosophie – das Leben

Vorl. 2: Die Entstehung der Lebenswissenschaft Biologie>>

Erste Vorlesung

Vitalität wird immer stärker als wissenschaftliches Gütekriterium genutzt. Das Leben als eine wissenschaftliche Kategorie wird somit wieder wichtig.

Meine Recherchen zu diesen Aspekt zeigten v.a., dass

  • oft versucht wird, eine strikt materialistische Definition anzubieten. Diese wird dann allerdings häufig durch Begriffe wie „Lebenskraft“ ergänzt (vgl. Vitalität).
  • oft auf eine theoretische Fundierung verzichtet wird. Diese Studien begnügen sich damit, Merkmale einer besonderen Fitness, einer Fähigkeit unter widrigen Bedingungen zu überleben, zu operationalisieren (vgl. Vitalität – Nachtrag).

Beides scheint mir nicht tragfähig. Leben als Kategorie scheint wichtig, gleichzeitig scheint der Begriff nur schlecht bestimmt.

Bäume im Schnee

Eine philosophische Kartierung des Begriffs Leben

Die Philosophin Petra Gehring[1] hielt im Wintersemester 09/10 eine Vorlesung zum Thema „Leben – Geschichte und Metaphysik eines schillernden Begriffs“. In 13 Veranstaltungen  beleuchtet sie unterschiedliche Perspektiven von der Entstehung der Biologie über den Zusammenhang zwischen Leben und Tod bis hin zur Lebensphilosophie.

Grob zusammengefasst geht es um die Frage: Was wird im wissenschaftlichen Diskurs unter Leben verstanden?

Dankenswerterweise stehen die Vorlesungen zum Download bereit.[2] Eine gute Gelegenheit sich einen Kaffee einzuschenken, die Beine hochzulegen, sich einen Block und Stift drauf zu legen, aus dem Fenster zu schauen  und sich fortzubilden.

Es folgen ein paar Eindrücke.

Zur Einleitung

PhilosophenInnen trauen sich an komplexe Themen bzw. wenn sie auf scheinbar selbstverständlichen Begriff wie das Leben schauen wird es kompliziert.

Einen großen Teil der Einführungsvorlesung nutzt Petra Gering dazu, die Selbstverständlichkeit zu relativieren. Sie geht auf Distanz, versetzt die Vorannahmen in „die Schwebe“ und betont das Gewordensein des Begriffs.

Zwei Aspekte sind mir wichtig:

  • Es gibt schon sehr lange Vorstellungen von leben als Verb oder als ein Verlauf, auch der Tod wird häufig beschrieben. Aber der Begriff Leben als eine Einheit ist mit 200 Jahren sehr jung. Zwischen den Wissenschaftsdisziplinen, aber auch innerhalb derselben gibt es sehr unterschiedliche Definitionen. Außerdem verändern sie sich laufend.
  • Auch in den so genannten exakten Wissenschaften ist der Begriff „schillernd“. Widersprüche und Inkonsistenzen sind häufig anzutreffen. Eindeutige Aussagen z.B. durch die Vitalisten werden von metaphysischen Annahmen getragen.

Die „Kartierungsarbeit“ des Begriffs findet in dem Spannungsfeld der Offenlegung der Widersprüche und der Vermeidung der metaphysischen Annahmen statt.

Eine vielversprechende Perspektive. Ich freue mich auf die nächste Vorlesung: „Die Entstehung der Lebenswissenschaft Biologie“

zweite Vorlesung (Die Entstehung der Lebenswissenschaft Biologie)


[1] Prof. Dr. Petra Gehring

[2] TU-Darmstadt-Openlearnware. Petra Gering: Leben – Geschichte und Metaphysik eines schillernden Begriffs. Vorlesung Wintersemester 2009/2010

Rechte und linke Gewalt

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Gewalt ist per Definition Grenzüberschreitung und somit ein ideales Thema der sozialen Grenzarbeit.

Grenzarbeit der Gewalttäter

In einem Interview erzählte mir ein rechtsextremer und gewaltkrimineller Jugendlicher ausführlich über seine gewalttätigen Auseinandersetzungen mit den „Autonomen“, „Linken“ und „Punks“. Er verachtet diese Gruppen und die Kämpfe machen ihm deutlich, dass er zu den Richtigen gehört.

Im selben Interview berichtet er aber auch davon, dass der „Staat uns fertigmachen will“. Mit „uns“ meint er nicht nur die Rechten, sondern die „Jugendbanden“, zu denen er eben auch die Autonomen, Linken und Punks zählt.  Anhand eines als gewalttätig empfundenen Verhaltens des Staates konstruiert er ein neues ‚wir‘.[1]

Gewalt und die entsprechende Grenzarbeit hat somit eine vielfältige Bedeutung. Im „Kampf“ gegen die Anderen  auf gleicher Ebene stärkt sie die eigene Gruppenidentität und wird positiv erlebt. Als ‚unfairen‘ Übergriff des übermächtigen Staates wird sie erlitten bzw. gibt der Verortung am Rande der Gesellschaft einen defensiven, aber heroischen Status.

Efeu

Rechte Gewalt und der Mainstream

Jedes Jahr werden vom Innenministerium Straftaten gezählt und publiziert. Die Zahlen sollen deutlich machen, wie viele Handlungen jenseits der rechtlichen Grenze geahndet wurden. Die Grenze und die Bedrohung derselben wird so periodisch thematisiert und intensiv diskutiert.

Dies gilt insbesondere für die festgestellten politisch motivierten Gewaltstraftaten. In der TAZ gab es gleich mehrere Artikel und zahlreiche Leserbriefe. Als brisant wurde dieses Jahr empfunden, dass die links motivierten Gewaltstraftaten 2009 stark angestiegen waren.

Provozierend titelte die TAZ: Linke schlagen Rechte.[2] TAZ-LeserInnen distanzieren sich meist von Gewalt, identifizieren sich aber gleichzeitig häufig mit linken Positionen. Wie bei dem genannten Jugendlichen wird daher ein zweiter Limes konstruiert. Es reicht nicht mehr aus, pauschal die Gewalt auszugrenzen, sondern es werden die Unterschiede zwischen der rechten und der linken Gewalt hervorgehoben. Die linke Gewalt richtet sich z.B. oft gegen die Polizei und gegen Autos und führt nicht zum Tode.

Die Grenzarbeit wird somit etwas uneindeutig: ist die linke Gewalt gar keine richtige Gewalt von der man sich abgrenzen muss?[3]

Einigkeit besteht allerdings in der Ausgrenzung rechtsmotivierter Gewalt und der Warnung vor den hohen Zahlen dieser Straftaten. In dieser Form der Grenzarbeit treffen sich linke TAZler, konservative Politiker, liberale Wissenschaftler und der  brave Bürger und definieren somit den gesellschaftlichen Mainstream anhand der Kategorie Gewalt.

Sie sind sich einig in der Richtigkeit und Wichtigkeit dieser Grenze. Spannend ist, dass sie sich auch mit den ausgegrenzten rechten Gewaltkriminellen in dieser Grenzziehung einig sind. Beide Seiten arbeiten in diesem gemeinsamen Projekt aus antagonistischen Perspektiven eng zusammen und sind in der jeweiligen Definition ihrer Welten aufeinander angewiesen.

Was würde eigentlich passieren, wenn die Zahl der rechten Gewalttaten tatsächlich sinken würde – der Grenzarbeit quasi die Energie entzogen würde?

Würde das zu einer Erleichterung oder eher zu einer Verunsicherung führen? Würde das nicht bedeuten, dass die rechten Personen nicht mehr jenseits der Grenze, sondern bei uns in der Normalität  verortet werden müssen?


[1] Vgl. die ‚Hallenser Biographiestudie zu Jugendgewalt‘: Gewalttätige Ausgegrenzte; Ingo Diedrich: Aus-einander-setzung mit Gewalt. Bremen 2003; Ingo Diedrich: Ausgrenzung mit Gewalt. Saarbrücken 2008

[2] Z.B.: Linke schlagen Rechte (TAZ 24.3.2010); Linke als Zielgruppe wiederentdeckt (TAZ 31.3.2010); Regierung verschiebt Geld nach links (TAZ 24.3.2010)

[3] dies gilt übrigens in umgekehrter Weise auch für die Interpretationen der Zahlen in den rechten Blogs.

Maschinen Menschen

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Homo normalis

In der „Massenpsychologie des Faschismus“[1] beschreibt Wilhelm Reich, wie wichtig auch die Maschinennähe des Menschen zum Verständnis des Faschismus ist.

Ganz kurz: Der Mensch versucht das eigene Tiersein zu überwinden. Diese Abgrenzung vom biologischen Bereich geht einher mit der Orientierung am maschinellen Bereich. Das eigene lebendige Funktionieren kann nur „mechanistisch, unlebendig und starr“ (297) gedeutet werden. Soweit das Seelische nicht auch maschinell interpretiert wird, erscheint es als „nebelhafte, mystische Gegebenheit“ (299)

Diese mechano-mystische Aufspaltung ist als Charakterstruktur des „homo normalis“[2] grundlegend auch für ein Verständnis des Faschismus mit seinen mystischen Verklärungen bei gleichzeitiger Überhöhung des Maschinellen.

Der Film „Wer hat Angst vor Wilhelm Reich“[3] bringt historische Beispiele für diesen Zusammenhang. Der folgende Ausschnitt bezieht sich auf Wien in den zwanziger Jahren.

Zwei Aspekte sind mir hier wichtig:

  • Vitalität: Reich konstruiert zwei Bereiche: Leben <-> Nichtleben. Durch die mechano-mystische Aufspaltung im Bereich des Lebens rückt das Nichtleben in den Vordergrund. Die Vitalität bzw. Lebendigkeit als zentrale Funktion dieses Bereichs wird zugunsten toter Funktionselemente zurückgedrängt. Dieser Vitalitätsbegriff steht konträr zu einem Begriff, der im Überleben das zentrale Merkmal sieht (vgl. Vitalität; Vitalität – Nachtrag). Im Faschismus konnte der starre Militarist durchaus erfolgreich überleben. Ihn deshalb für besonders vital zu halten ist absurd.
  • Normalität: Reich beschreibt nicht eine obskure Abweichung von einer gesellschaftlichen Norm, sondern die Normalität selbst („homo normalis“). Aufgrund einer genauen Beobachtung beschrieb er das, was als selbstverständlich galt.

Hier liegen die Grenzen der historischen Dokumentation. Das Marschieren, Turnen usw. wirkt aus der zeitlichen Distanz fremd und nicht selbstverständlich. Diese Normalität bietet für uns heute kaum noch Identifikationspunkte.

Das Selbstverständliche der Vergangenheit wird zur Abweichung für das aktuelle Selbstverständliche. Um Reichs Kritik nachzuvollziehen, muss sich der Blick also wieder auf das aktuelle Selbstverständliche richten. Unter dem Deckmantel der Normalität hat sich die Maschinenorientierung nicht etwa abgebaut, sondern ausgeweitet und perfektioniert.

Ich möchte hier nur darauf hinweisen, inwieweit die Technik (Handy, Mail, SMS …) mit ihren Standards, Regeln, Möglichkeiten und Grenzen bestimmend für unsere Kommunikation geworden ist.

Und die Selbstverständlichkeit sagt: warum nicht?

Die Maschinenzivilisation zeigt sich mit ihren glatten und den weniger schönen Seiten als herrschende Normalität.

Gegenentwurf

Spannend finde ich, dass nicht nur die Normalität maschinenorientiert ist, sondern auch Gegenentwürfe von ihr.

Neulich habe ich mir den Film „Avatar. Aufbruch nach Pandora“ angesehen. Seine technischen Ausdruckformen haben mich sehr beeindruckt. Der Inhalt ist nicht ganz so spektakulär. Da treffen wieder diese Maschinenmenschen ohne Verständnis für das Wesentliche, aber ausgestattet mit reichlich Waffen auf die native people. Wie immer zeichnen sich diese edlen Wilden durch ihre große Naturnähe aus. Aber trotz der üblichen Priesterinnen findet sich kaum eine ausgeprägte Mystik. Für den Kontakt zur Natur und zur jenseitigen Welt benötigen sie kein esoterisches Wissen.

Na'vi USB ZopfStattdessen sind alle Na’vi mit einem USB Zopf ausgestattet. Diese universelle Schnittstelle ermöglicht es ihnen, sich überall und zu jeder Zeit mit ihren Pferden, Flugsauriern, aber auch mit den Toten und der großen Mutter zu verbinden. Der Wald mit seinen Wurzeln ist ein riesiges Netzwerk, über dessen „Datenströme“ sie Dank der Schnittstelle integriert sind.

So stellt man sich in der Computerwelt ‚Kontakt‘ vor.

Durch die Übertragung unserer Technikkompatibilität auf diese heile Welt, gestaltet sie sich nicht als Gegenentwurf, sondern als Perfektionierung derselben.

Keine Technikkritik

Reichs Kritik an der „Maschinenzivilisation“ ist keine Technikkritik, sondern eine Kritik an der mechanistischen Perspektive auf das Leben.

Das Leben ist in der grundsätzlichen Funktion der Pulsation sehr einfach. Und es gelingt durch Variationen dieser Einfachheit, wahrzunehmen, zu lieben, zu denken und sich künstlerisch auszudrücken.

Grundlage eines Computer ist nicht Kontraktion und Expansion, sondern der Schalter: An – Aus. Computer pulsieren nicht. Sie werden aber immer stärker dazu eingesetzt die lebendigen Funktionen zu imitieren. Netzwerkorientierte Komplexität und Schnelligkeit stehen dabei im Zentrum. Die Entwicklung der Computer besteht primär darin, diese beiden Aspekte zu steigern und noch zu managen.

So weit, so gut. Warum sollte man nicht versuchen, lebendige Prozesse zu imitieren?

Gleichzeitig verändert sich aber eben auch unser Modell vom Leben. Das Gehirn wird nur noch als ein extrem komplexes Netzwerk mit riesigen Datenströmen wahrgenommen. Das Verständnis der Pulsation und somit des Lebens scheint nicht notwendig.

So rauben wir uns unsere Vitalität.

Reich schrieb 1933[4]:

„Alle Vorstellungen nun, die der Mensch von sich entwickelt hat, lehnen sich durchweg an das Vorbild der Maschinen an, die er geschaffen hat. Der Maschinenbau und die Maschinenhandhabung haben den Menschen mit dem Glauben erfüllt, dass er sich selbst in die Maschinen hinein und durch sie hindurch fort – und ‚höher‘ – entwickle.“ (297)

„Der sogenannte Kulturmensch wurde tatsächlich eckig, maschinell, ohne Spontanität. […] Er lebt, liebt, hasst und denkt nur mehr maschinell.“ (303)


[1] Wilhelm Reich: Die Massenpsychologie des Faschismus. Köln 1986

[2] Wilhelm Reich: Charakteranalyse. Frankfurt/M. 1981. S. 399f

[3] Nicolas Dabelstein & Antonin Svoboda: Wer hat Angst vor Wilhelm Reich? TV-Dokumentation, A 2009, 95 min. Youtube

[4] Wilhelm Reich: Die Massenpsychologie des Faschismus. Köln 1986

Wibbecker Ausblick

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Im Jahre 2009 feierten die 300 BewohnerInnen des Dorfes Wibbecke das 1000 jährige Bestehen. Es gab Partys, Wanderungen, Vorträge usw.

Im folgenden Film findet sich mein persönlicher Ausblick in diesem Jahr:

12 Minuten schauen und hören …

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